alter Kram! – 1.0

logo_flm1Zugegeben – es ist schon eine ganze Weile her, dass ich mit einer Freundin im Freilichtmuseum Neuhausen (ob Eck) war. Genau gesagt schon gut und gerne acht Monate.
Aber ich möchte hier gerne noch ein paar Gedanken und Eindrücke aufschreiben, die mich doch bewegt haben damals.
Außerdem habe ich einige schöne Fotos gemacht, die ich euch ja nicht vorenthalten möchte! :o)

So ein Freilichtmuseum ist eben so, wie ein Freilichtmuseum so ist: Jede Menge alte Häuser und Höfe mit jeder Menge alter Sachen drin. Und viel schöne Natur drumherum. So ist es auch in Neuhausen.
Hört sich vielleicht langweilig an, isses aber gar nicht!
Zugegeben – ich schaue mir sehr gern solche alten Häuser an. Ich finde, sie haben immer viel zu erzählen. Ich tauche dann mit ihren Geschichten in eine andere Welt ein – eine Welt ohne Strom und fließendes Wasser, ohne Handy, Laptop oder PlayStation. Eine „einfache“ Welt vielleicht – aber im Grunde doch eher eine Welt voller Mühen und Arbeit und Entbehrungen.

 

Diese alten Häuser inspirieren mich dann, mir vorzustellen wie ich zurechtkommen würde, wäre ich plötzlich in diese vergangene Wkammerelt zurückversetzt.
Meine geräumige Single-Wohnung würde ich eintauschen gegen eine Schlafstelle im zugigen Mehrbettzimmer. Nix mit eigenem Badezimmer, kuscheligem Bett, praktischer Einbauküche oder gar Privatsphäre!

fangdiemaus

 

Und neben meinen menschlichen Mitbewohnern gäbe es ganz bestimmt noch einige andere (…und weniger erwünschte) Untermieter in meiner Kammer…

 
Schnell wird klar, wie selbstverständlich ich heutzutage die Annehmlichkeiten des „modernen Lebens“ sehe. Aber ist modern denn immer auch besser? Nun gut: Sauberes Wasser aus der Leitung, Strom aus der Steckdose und ein funktionierendes WC in erreichbarer Nähe – das sind keine Errungenschaften, deren Sinn mann in Zweifel stellen kann. Aber wieviel Luxus braucht der Mensch? Und: Kann es nicht auch Luxus sein, mit Weniger auszukommen?

einkaufenIch frage mich beim Anblick dieser alten Sachen immer: „Was brauche ich eigentlich wirklich? Und was von alldem, was ich da in meiner Wohnung horte, ist wirklich notwendig?“
Manchmal wünsche ich mir ein „einfaches“ Leben – irgendwo in der Natur, in einem kleinen Häuschen mit Garten und alten Bäumen drumrum. Mit wenig Schnickschnack und wenig Kram. Aber ziemlich schnell wird mir auch klar: Das würde ich ohne ein Minimum an „technischen Errungenschaften“ gar nicht lange aushalten. Vermute ich zumindest – denn ausprobiert habe ich es noch nie.

 

hierriechtsNach drei, vier Stunden bin ich dann wieder aufgetaucht aus meinen Nostalgie-Gedanken. Angekommen beim Museums-Ausgang, der mich in null-komma-nix wieder in die Gegenwart befördert hat. Zurück zu Handy, Digicam und klimatisiertem PKW.
„Ein schöner Nachmittag!“, da sind wir uns einig. Aber auch schön-nachdenklich, schön-interessant und schön-im-Grünen.

unterwegs mit Chris

Gestern war Christoph zu Besuch bei mir in der Klinik. Das war natürlich sehr cool und eine willkommene Abwechslung am sonst zuweilen langweiligen Wochenende. Außerdem hat er mir noch einige Sachen von zuhause mitgebracht, an die ich bei aller Eile des Kofferpackens nicht gedacht hatte.

Nachdem wir also gemeinsam in der Klinik zu Mittag gegessen hatten, haben wir uns bei super-Sonnenschein aufgemacht in die Weinberge. Naja, eigentlich wollten wir ja nicht in die Weinberge, sondern zum ehemaligen Regierungsbunker. Den wollten wir uns anschauen und auf dem Weg dorthin noch ein, zwei GeoCaches suchen.

Nach etwa zwanzig Minuten bergauf (keuch!) kamen wir dann an – am ehemaligen „Ausweichsitz der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland“. Eine Fassade aus Beton, Beton, Beton und Stahl – sehr eigentümlich in der ansonsten grünen Umgebung des Waldes – fällt den Besuchern des Museums Regierungsbunker sofort ins Auge. Um 14.30 Uhr konnten wir an einer Führung durch den Bunker teilnehmen. Die Wartezeit haben wir uns mit einem kühlen Getränk und einem kleinen Abstecher in Richtung „Bunkercache“ verkürzt.

BU3Am Bunker war viel los, so dass sich vor und hinter uns etliche andere Gruppen befanden, die sich das Bauwerk auch anschauen wollten.
Es war schon sehr unheimlich, durch die vielen Stahltüren und -tore zu gehen und in dieser tunnelartigen Röhre immer weiter in das Innere des Bergs vorzudringen.

BU2Die Geschichte des Bauwerks ist recht interessant: Um 1914 begann man mit dem Tunnelbau für eine strategische Eisenbahnlinie vom Ruhgebiet nach Lothringen. Diese Eisenbahnlinie wurde aber nie fertiggestellt, und so wurde der Tunnel, der zwischen Ahrweiler und Dernau etliche Kilometer durch den Berg verlief, anderweitig genutzt. Zur Zeit des zweiten Weltkriegs beispielsweise als Produktionsstätte für Waffen. Auch KZ-Häftlinge mussten hier arbeiten.

Nach dem Krieg wurden dann die Eingänge sowie einige Teile des Tunnels von den fanzösischen Streitkräften gesprengt – halbherzig und ohne großen Schaden anzurichten, wie sich später herausstellen sollte.

BU1 BU5In den 50er Jahren schon wurde mit den Planungen und Überlegungen für den Bau einer solchen Anlage begonnen. Alles natürlich: „Streng geheim!“ In den 60er Jahren begann dann der eigentliche Ausbau. Der dauert bis 1970. Es entsteht ein unterirdisches Bauwerk mit vielen Gängen, Schächten und Verbindungen, die eine Gesamtlänge von ca. 17 km haben. In manchen Bereichen ist der Bau sogar zweigeschossig: im unteren Bereich sind Büros und Räume mit offiziellen Funktionen, im oberen Stockwerk liegen Schlafräume und Sanitäre Anlagen der „Tunnelbewohner“.

BU4Nach dem Ende des „Kalten Krieges“ fiel in den 90er Jahren der Entschluss, die Bunkeranlage im Ahrtal stillzulegen. Sämtliche Einrichtungen und Ausbauten sollten schrittweise zurückgebaut werden. Mit diesem Unternehmen wurde 2001 begonnen. Nach fünf Jahren war der größte Teil dieses beeindruckenden Bauwerks verschwunden – sogar die Farbe wurde von einer Firma mit Spezialgerät von den Tunnelwänden entfernt!

Am 1. März 2008 öffnete das Museum seine Pforten. Nur ein kleiner Teil der Anlage (etwa 400 m) ist vom Rückbau verschont geblieben; in ihm wurden Räume und Büros eingerichtet (mit Inventar aus dem alten Bunker), die heute als Museum dienen.

Mehr Infos über den „Ausweichsitz“ findet ihr auf dieser Webseite.
Leider ist das Fotografieren in der Anlage nicht erlaubt. Darum stelle ich hier einige Bilder ein, die ebenfalls von o.g. Webseite stammen.

Achso: Natürlich ging unsere Wanderung dann noch weiter! Nach dem Bunker kamen die Caches, die wir nach kurzer Suche (oder ganz ohne Suche!) aufstöbern konnten. Dann noch einen leckeren Kaffee auf dem Markt in Ahrweiler getrunken – was will man mehr? Ein perfekter Samstagnachmittag.

Veerse Meer

vee2 vee1 vee4Heute bin ich ein wenig durch die Gegend gedüst. Zuerst zu Fuß – eine kleine Strandwanderung.

Dann mit dem Auto in Richtung Veerse Meer.
Zwischenstation meiner Tour war dann der Fähranleger nahe Kamperland, wo natürlich zu dieser Jahreszeit nix los war. Dafür ein schöner Blick auf das Städchen Veere am gegenüberliegenden Ufer.

vee7 vee5 vee3Auf der Rückfahrt habe ich dann nicht die Nationalstraße über den Damm genutzt, sondern eine kleine Parallelstraße. Das ermöglichte mir, auch mal anzuhalten, um die Gegend zu erkunden und eine der Brücken zu nutzen, um einen Blick auf die „richtige“ Nordsee zu werfen.

…mal wieder Oostkapelle

Ja – es ist mal wieder so weit: Eine Woche Ausspannen in Oostkapelle in Zeeland!
Wenn ihr fleissige Blog-LeserInnen seid, kennt ihr diesen wunderschönen Ort an der niederländischen Nordsee ja schon aus einigen meiner vorherigen Beiträge.
Grad‘ im Moment bin ich nicht so blog-eifrig und schreibe nur selten – aber ich will euch ein paar Fotos und Eindrücke aus meinem Urlaub nicht vorenthalten.

Da es uns in unserer angestammten Strandbude, dem „Piraat“ im Moment nicht wirklich behagt (…es stinkt nach Lack, Farbe und komischem Holzschutzmittel) haben wir uns mal (probeweise!) im „Westkap“ eingenistet… ist zwar ein wenig zu elegant für meinen Geschmack, aber der Ausblick, der Apfelstrudel und der Chocochino sind wirklich klasse!

Außerdem ist es beim „Westkap“ nicht so sandig wie beim Piraat… und man kann (wenn man will!) mit dem Auto bis vor die Tür fahren!

abgebaggert

Am Dienstagabend juckt es mich irgendwie in den Fingern – ich will noch etwas unternehmen, nachdem ich den Nachmittag mit einem ausgiebigen Spaziergang verbracht habe.

Kurzerhand entschließe ich mich, zum „Braunkohleloch“ zu fahren: der Tagebau Garzweiler II ist nur wenige Kilometer von Odenkirchen entfernt.
Ich kurve durch Sasserath, Hackhausen und Hochneukirch und stehe, nachdem die kleine Straße die A 46 überquert, plötzlich vor dem Riesenbraunkohleloch… „Ging es hier früher nicht nach Holz?“ frage ich mich – verwerfe den Gedanken aber wieder angesichts der von kleinen Hügeln und mächtigen Furchen geprägten Mondlandschaft, die mich umgibt. Die Straße endet abrupt. Nach einer scharfen Linkskurve führt der Weg weiter – immer entlang am Tagebaurand.

Erst einmal parke ich mein Auto. Ich schlängle mich an der Absperrung vorbei (…die niemanden ernsthaft aufzuhalten vermag, der wirklich vorbei will) und erklimme einen der kleinen, von Bulldozern aufgeschütteten Hügel. Es bietet sich ein bizarres Panorama. Das sanfte Licht der Abendsonne erleuchtet den Tagebau. Scheinbar nur wenige Meter entfernt von mir (tatsächlich werden es schon so 100 Meter sein) ragt ein riesiger Bagger aus dem Nichts hervor. Ein unwirkliches aber stetiges Rauschen und Summen liegt in der Luft. Ich bin irritiert – aber klar: Bagger, Schaufelräder, Förderbänder… alles ist in Betrieb und läuft und lärmt vor sich hin. Das Loch ist riesig, die Maschinen und Fahrzeuge (mal abgesehen von den Braunkohlebaggern, die auch aus der Entfernung wie Monsterkraken aus Stahl aussehen) scheinen verschwindend klein und die Geräusche dringen nur schwach hinauf zu mir.
Ich schieße ein paar Fotos, während sich (wie immer an diesem Ort) in meinem Körper ein undefinierbares Gefühl der Beklemmung breitmacht…

„Hallo? Haaa-llooo!“ ruft eine Frau in meinem Alter mir vom Straßenrand zu: „Da hinten ist eine Aussichtsplattform, da können sie noch mehr sehen!“
Sprach’s und walkte stöckeklappernd weiter. Ich gehe die wenigen Schritte zurück zum Auto und fahre ein kurzes Stück, bis ich einen niegelnagelneuen Parkplatz und eine Art Aussichtsterrasse erreiche. Von hier aus ist der Ausblick wirklich noch besser – und noch beklemmender und noch gigantischer. Bis zum Horizont erstreckt sich der Tagebau mit seinen Terrassen, Erdschichten, kilometerlangen Förderbändern und den riesigen Baggern. Auf der westlichen Seite wird „abgebaggert“, während im Osten das Tagebauloch schon wieder zugeschüttet wird. Die Wolken aus Wasserdampf, die aus den Kühltürmen des Kraftwerks Frimmersdorf emporsteigen, werden von der sinkenden Sonne in seltsame rosa-Farbtöne getaucht.

Ich frage mich, wie viele Tonnen Erdreich, also Abraum, man wegbaggern muss, um eine Tonne Braunkohle zu fördern. Und ich frage mich, wie viel Energie – denn darum geht es ja letztendlich – in so einer Tonne Braunkohle steckt, die da im Kraftwerk verfeuert wird… Gerade fällt mir ein, dass ich vor vielen Monaten hier in meinem Blog ja schonmal was über die Kraftwerke geschrieben habe…

Ja, nämlich HIER!

Wie energiehungrig sind wir, unsere Städte, Büros oder Haushalte – dass man ganze Landstriche einfach abbaggert, um an die begehrten Rohstoffe zu gelangen?
Gedankenverloren lasse ich meinen Blick schweifen, weiter nach Westen, wo vor nicht allzu langer Zeit noch die Autobahn die Landschaft zerteilt hat. Jetzt ist sie – fast spurlos – verschwunden. Und noch etwas fehlt: Ich kann den alten Wasserturm von Holz gar nicht entdecken. Ich kneife die Augen zusammen und suche den Horizont ab… außer ein paar Windrädern und Baumgruppen nichts zu sehen.
Heute erfahre ich aus dem Internet: Der Holzer Wasserturm wurde vor knapp sechs Wochen gesprengt… jetzt rücken die Bagger vor… Schon komisch, dass auch dieses weithin sichtbare Bauwerk nun aus der Landschaft verschwunden ist… Genau wie all‘ die Häuser und Höfe der Ortschaft Holz, die einfach vom Erdboden verschwunden sind…
Bei YouTube habe ich einen Film entdeckt, der über den alten Wasserturm berichtet. Und über die Sprengung am 22. Januar 2011:

Fröstelnd steige ich, nachdem ich etliche Minuten die Farben, Formen und Eindrücke des Tagebaus in mich aufgenommen habe, wieder in mein Auto. „Nach Hause navigieren“ sagt mein TomTom, ja – das ist einfach: immer geradeaus!
Die Sonne versinkt als leuchtend roter Ball am Horizont. Ich sitze im Auto und suche eine Stelle zum Anhalten, damit ich noch ein paar Fotos machen kann. Wirklich Minutensache ist es dann, noch ein paar schöne Aufnahmen zu machen, bevor die Sonne endgültig verschwindet.

Muziek, Muziek, Muziekcentrale

Gestern war der Tag! Blauer Himmel, Sonnenschein, gute Laune und fast genug Geld auf’m Konto… also nix wie los nach Ittervoort!

Ittervoort ist so ungefähr da, wo man das Ende der Welt vermutet – kurz hinter der Grenze im niederländischen Limburg, wo es zwar ziemlich viel Landschaft (seeehr schön!) und ziemlich viele dahinrasende LKW gibt, aber wo sonst irgendwie der Hund begraben zu sein scheint.
Nun – was um alles in der Welt zieht mich nach Ittervoort? Ich sag’s euch – das hier:

Adams1Wie der Titel schon sagt: dies ist die „Muziekcentrale Adams“. Von außen betrachtet ein eher nüchterner Gewerbebau. Parkplätze satt und immernoch Sonnenschein. Also nix wie raus aus dem Auto und rein ins Vergnügen! Naja, ein wenig mulmig war mir schon, weil ich so gar nicht wusste, was mich drinnen erwartet.

Mit einem leisen „Wwwwwusch!“ schwingt die elektrische Einganstür auf und ich betrete den „Laden“. Naja, „Laden“ ist hier wohl hoffnungslos untertrieben! Ein riesiges Gebäude mit (mindestens) zwei Etagen und lustigen und weniger lustigen Musikinstrumenten, wohin das Auge blickt! Ein Flötistinnenschlaraffenland! (…übrigens auch eins für Trompeterinnen, Posaunistinnen oder Hornissen… ;o) )
Der Eingangsbereich (der allein schon dreimal so groß ist wie meine gesamte Wohnung) ist menschenleer. Eros Ramazotti singt mir unermüdlich aus den Deckenlautsprechern entgegen, während ich mich unsicher umsehe… niemand da?
Hinten, in einem gemütlichen Café-Bereich sitzen zwei Herren – und eine Dame, die sich lächelnd auf den Weg zu mir macht.
Nach einer kleinen internationalen Begrüßung (mit deren Hilfe wir die zu verwendende Sprache geklärt haben) trage ich mein Anliegen vor: Ich möchte eine neue Querflöte kaufen.
„Ja seehr schöön. Da finden sie hier bestimmt was…!“ sagt sie mit charmantem niederländischen Akzent und zwinkert mir zu. Sie greift zum Telefon. „Da rufe ich mal den Peeeeter, der ist unser Mann für die Kweerflüiten.“

Peter, der Querflötenmann, ist gerade noch beschäftigt. Ich setze mich ins Café und ziehe mir bei der „Zelfbediening“ einen Chocomel. Mhhhm, lecker!

Mit meiner knallgelben Kakaotasse in der Hand wandere ich durch die große Halle:Es gibt laAdams4uter kleine gläserne „Zimmer“, für jede Art von Instrument eines (oder gar mehrere, wie bei den Querflöten)! Lange, helle Gänge verbinden die einzelnen Glaszimmer. Man kann also überall die metallisch-glitzernden Blechblasinstrumente funkeln sehen. Klar, Flöten, Klarinetten und Saxophone gibt’s auch. Und Pauken und allerhand Schlagwerk! Große, riesengroße Instrumente, deren Namen nichtmal ich weiß. (Wiki sagt: Susaphon)
Eine Augen- und Ohrenweide für jeden Blasmusiker – hier gibt’s wirklich für jedes Tschingderassassaaa das passende Instrument!

 

Peter kommt und führt mich mitsamt meiner Chocomeltasse in einen Raum, dessen Eingang mit „European Flute Centre“ beschriftet ist. Ich komme mir etwas deplaziert vor, was aber beim Anblick all der tollen (und toll-teuren!)Adams2 Instrumente schnell vergeht. Peter checkt ab, was ich mir denn so vorstelle („Kein Modell für 10 000 Euro!“) und bringt mir nach und nach zehn verschiedene Flöten zum Probespielen. Dann macht er die Türen zum Glaszimmer zu und lässt mich in Ruhe… Erst mal angucken, anfassen, reinpusten… Uiiiii! Ich packe die mitgebrachten Noten aus und beginne mit Telemann auf einer Pearl-Flöte. Gut, dass die Kabinen recht schalldicht sind… hab ich diesen Telemann doch offensichtlich sehr lange nicht geübt….
Adams3Als nächste ist eine aufgemotzte Flöte mit tausend Gravuren und goldenem Mundstück dran – naja, überzeugt mich nicht… und ist auch irgendwie etwas protzig. Nach der dritten Flöte werde ich konfus – welche hatte ich schon, welche noch nicht? Ich erfinde ein System (Kopfstück rechts- oder linksrum) für Instrumente, die noch drin sind oder schon ausgeschieden. Und eine interne Rangliste der Flöten auf dem gewellten Ablagegestell…
Ich bin schon bei den ersten Versuchen total erstaunt, welch einen Unterschied ich zu meiner alten Flöte bemerke: Die neuen Instrumente sprechen viel leichter an, der Klang ist füllig, die ganz hohen und die ganz tiefen Töne „kommen“ wie von selbst! Phantastisch!

 

Adams5Ich probiere bestimmt eineinhalb Stunden die verschiedenen Flöten aus. Einige sortiere ich schnell aus, bei anderen dauert die Wahl etwas länger. Das ist wirklich gar nicht so einfach! Immerhin kauft man so ein Instrument nicht alle Nase lang!
Schließlich liegen nur noch zwei Flöten mit dem Kopfstück nach links. Zwei Powell-Sonaré – die eine vollständig aus Silber, die andere mit Vollsilber-Kopfstück und versilbertem Flötenrohr. Eine Frage des Geldes, wie sich an diese Stelle zeigt. Ich mache eine kleine Chocomel-Pause und gehe in mich. Dann spiele ich nochmal. Beide super. Beide toll. Aber die silberne… wow, die klingt schon klasse!

Schließlich fällt die Entscheidung doch recht schnell (…immerhin habe ich noch ein neues Fahrrad auf meiner Wunschliste… und will es ja auch nicht übertreiben!) und Peter nickt zufrieden: „Schönes Instrument. Guter Klang. Auch gute Qualität. Ja….“
Während meine neue Flöte noch kurz zur „Inspektion“ in die hauseigene Werkstatt gebracht wird, erledige ich an der Kasse die Finanzen. Zufrieden und voller Vorfreude auf „meine neue“ verbringe ich die Wartezeit mit einem weiteren Chocomel und betrachte ein wie zufällig vorbeilaufendes Kaninchen.

Mit einem leisen „Wwwwwwusch!“ öffnet sich die Ausgangstür… bestimmt habe ich beim Hinausgehen gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, das bunte Flötenpaket zufrieden unter den Arm geklemmt.

So, und damit das hier nicht unendlich wird, mache ich mal Schluss und schreibe demnächst einen weiteren Artikel über – meine neue. Flöte.

abhängen

Ich muss euch unbedingt noch von meinem neuen „Möbelstück“ berichten, das ich seit einigen Wochen in meiner Wohnung habe!dh1Es ist ein gigagemütlicher Hängesessel von „Tucano“, den ich bei Sandra und Verena entdeckt und mir dann (…nach einiger Bedenkzeit – wie könnte es anders sein) auch bestellt habe!
Aber bis das Teil endlich fix und fest montiert war und ich darin gemütlich entspannen konnte, war es noch ganz schön spannend!

Es fing schon mit der Lieferung an. Hermes sollte das Paket bringen, aber ich war nicht zuhause. Im Briefkasten fand ich eine Benachrichtigungskarte: „Sie können Ihr Paket im Kiosk Kölner Straße 28 abholen.“ Hä? Paket im Kiosk? Was für’n Kiosk? Sehr strange…
Ich also dreimal die Kölner Straße rauf und runter gefahren, bis ich den winzigen Laden mit türkischem Namen entdeckt hatte. Auto geparkt, nix wie rein.

Der freundliche Ladenbesitzer händigte mir dann – nach Vorlage des Benachrichtigungsscheins – mein Paket aus… welches etwa genauso lang war wie ich, glücklicherweise aber nicht genauso schwer… Mit einiger Geduld gelang es mir sogar, das sperrige Paket in meinem japanischen Kleinwagen zu verstauen und die paar Meter bis nach Hause zu fahren.

dh5 Zuhause angekommen wurde natürlich schnell ausgepackt: Wunderbar! Alles komplett! Und wirklich schöne Farben und ein toller, stabiler Stoff. Sehr beeindruckt hat mich vor allem aber der Haken, mit dem der Hängesessel an der Decke aufgehängt werden sollte: Das Ding war bestimmt 18 cm lang und richtig schwer… Wie ich den in die Betondecke bekommen sollte, war mir rätselhaft…

Bis zur Lösung des Rätsels vergingen sage und schreibe dreieinhalb Wochen, in denen der Hängesessel samt Zubehör unten in meinem Kleiderschrank liegen musste. Von wegen: Schaukeln und Relaxen…
Dann kam Frenc mit seiner ultimativen Boschschlagbohrmaschine, einem beeindruckenden Werkzeugkasten und einem unverwüstlich optimistischen Lächeln im Gesicht.
„Wo soll das Ding denn hin?“ fragte er, nachdem wir mit lautem Getöse die Alu-Leiter aus der Abstellkammer manövriert hatten.

Mein Blick zur Decke, hin zu einem imaginären Punkt, den ich für die richtige Stelle zum Bohren hielt. Frencs Zeigefinger wandert über die Rauhfaser: „Hier? Oder noch ein bisschen mehr… nach hier?“
Die Bohrmaschine heult auf. Ich stehe unten und versuche, den herumwirbelnden Staub aufzusaugen. Vorsichtig geht der Bohrer weiter in die Decke. Dann auf einmal: rostbrauner Staub.
Frenc setzt den Bohrer ab und grummelt. „Das war wohl die falsche Stelle…“ Ich bin zwar etwas enttäuscht, aber heimlich doch froh, dass wir nicht doch auf etwas schlimmeres als einen Eisenträger gestoßen sind (…Strom, Wasser, Abflussrohr… ja, ja – die sind normalerweise nicht an solchen Stellen).

Der zweite Versuch schleßlich gelingt. Der Bohrer heult, es staubt ohne Ende, ich sauge konzentriert und Frenc summt zufrieden. Dübel rein (…auch ein Riesenteil), Haken festgedreht.
„Da kann man einen Elefanten dran aufhängen“, meint der kompetente Handwerker lächelnd.

dh2Ich traue dem Braten noch nicht. Nachdem wir alle zur Aufhängung notwendigen Teile montiert haben (Feder und Drehwirbel mitsamt der Karabinerhaken) kommt der feierliche Moment: Der Stoffsessel wird aufgehängt! Wow!
Wer macht den Praxistest? Ich schicke Simi (4) vor. Er hüpft in den Sessel und quietscht begeistert. Hanna (6) hüpft hinterher. Kleines Handgemenge im Hängesessel: „Heee, geh von meinem Bein runter, das tut weh!“ Der Haken hält.

Dann Kinder raus und Mama Andrea rein.“Voll gemütlich!“ – und der Haken hält immernoch.
Schließlich Andrea raus und Gabi rein.
Immernoch gemütlich und: Test bestanden! (…vielleicht hat Frenc ja doch recht mit seiner Elefanten-Prognose…).

Zur Feier des Tages dann der absolute Härtetest: Gabi, Simi und Hanna im Hängesessel – und es schaukelt wie bei Windstärke 7 auf der Nordsee. Der Haken hält.
Ich bin zufrieden und klettere – in Erwartung vieler gemütlicher snoozle-Stunden im Hängesessel – wieder zurück auf festen Boden.

100 Punkte für Frenc, den Mann mit der Bohrmaschine. Und ein dickes „Dankeschön!“

dh3Damit ihr euch auch ein Bild machen könnt, wie mein toller neuer Sessel aussieht, habe ich einige Fotos gemacht. Leider ist es etwas schwierig, mich selbst im Hängesessel sitzend zu fotografieren – dankenswerterweise hat sich Lucy als Modell zur Verfügung gestellt. Sie hat auch gleich die wichtigsten Dinge mitgebracht, die man für einen gemütlichen Abend im Hängesessel braucht: Schöne Musik auf den Ohren, ein spannendes Buch zum Lesen und dicke Socken, damit es auch schön warm und kuschelig ist!

sunny weekend

Das war ja mal ein Wochenende ganz nach meinem Geschmack!
Mal abgesehen davon, dass ich schon ab Donnerstag frei hatte (*hüstel*) stimmte auch alles weitere, vor allem das Wetter.
Und so beschlossen Chris, Verena und ich, am Samstag eine kleine GeoCaching-Runde einzulegen.

Gesagt – getan: Nix wie los in Richtung Rhein! In Langst-Kierst stellten wir dann das Auto ab, ganz in der Nähe sollte es die ersten beiden Cachedosen geben.
Vorher noch eine kleine Stärkung am Eis-Mobil, dann ab in die Büsche zum Dosensuchen. Dort am Rheinufer gab es – wie ihr euch vielleicht denken könnt – unzählige Steine (kleine, ganz kleine und ganz große), von denen jeder ein potenzielles Cache-Versteck darstellte. Doch alles Suchen war vergebens… bis Verena nach etwa 27 Minuten auf ein verdächtiges Plastikobjekt stieß, dass sich schnell als supereinfallsreich getarntes Cacheversteck entpuppte! Yippi! Deckel auf, Dose raus und – loggen!

Der zweite Cache am Langster Fährhaus war dafür umso schneller entdeckt. Ich war noch ungefähr einen halben Kilometer weit entfernt und hantierte mit meiner Kamera herum, da grinste Verena schon wieder breit und ich wusste: „Sie hat die Dose!“. So war’s dann auch.

Jetzt stand die abenteuerliche Rheinüberquerung an, denn alle weiteren Dosen verbargen sich am Kaiserswerther Ufer. Nach einigen Überlegungen, ob wir nun ein Floß bauen, einen jet-Ski-Fahrer kidnappen oder doch lieber schwimmen sollten entschieden wir uns dann für eine Überfahrt mit der gerade zufällig vorbeischwimmenden Fähre.
Den Fahrpreis von Eineurozwanzig konnten wir noch gut verkraften – in Gegensatz zu den Seemannsliedern, die Verena anstimmte, sobald sie einen Fuß auf das Schiff gesetzt hatte.

„Wie viel Meter sinds noch?“ – diese Frage wiederholte sich etwa im 2-Minuten-Takt. Chris antwortete stets brav – das Cache-Eisen immer im Blick.
Der nächste Cache führte uns zu den alten Mauern der Kaiserswerther Kaiserpfalz. Ehrlich gesagt war ich sehr überrascht, solch ein imposantes Bauwerk (wenn auch eine Ruine) aus Basaltstein hier vorzufinden… Ein bisschen googeln lehrt mich, dass die Ursprünge dieses Bauwerks bis ins Jahr 700 zurückgehen. Barbarossa baute die Pfalz dann mächtig um (im 12. Jh.) und aus – um den armen Schiffern auf dem Rhein fortan in Kaiserswerth ordentlich Zollgeld abzuknöpfen.

Jedenfalls war die Cache-Dose am alten Gemäuer nach einiger Suche auch entdeckt – zwar nicht irgendwo zwischen den Steinen, wie man auf den ersten Blick vermutete , sondern im Astloch eines Baumes auf der nahe gelegenen Allee. Das schaute mich ziemlich verdächtig an und kurzerhand wurde Verena, das Fliegengewicht, einfach von mir zur Astgabel hochgehievt, um mal die Lage zu checken – mit Erfolg!

Ein längerer Fußmarsch erwartete uns, um zu unserer letzten anvisierten Dose zu gelangen. Auf dem Display des Garmin sah es recht nah aus – in Wirklichkeit gab es einen 10m tiefen „Abgrund“, den wir erst einmal umwandern mussten, um in das Gelände zu gelangen. Auch dort konnten wir die Dose schnell finden – diesmal hatte ich den richtigen Riecher!
Mittlerweile war es schon nach 14 Uhr und wir alle drei hatten mächtigen Pommes-Hunger. Leider war Kaiserswerth zur Mittagszeit absolut übervölkert von Schickimickitussis und Touristen im Seniorenalter.

So zockelten wir eher ziellos über den Markt, wieder in Richtung Rhein – als und das „Bötchen“ fast an der Uferpromenade in den Blick kam: Ein kleines Fensterchen im alten Gemäuer, aus dem eine freundliche Dame schaute und ein sehr verführerischer Suppenduft in unsere Nasen strömte.
Erbsensuppe, Kartoffelsuppe, Gulaschsuppe, Bockwurst – und vor allem: Möhren durcheinander! Für jeden von uns was dabei! Also nix wie ran – und einen leckeren Freiluft-Mittagssnack verspeist.

Gegen 15 Uhr waren wir dann wieder auf der Fähre, die uns zurück auf die „richtige“ Rheinseite brachte. Diesmal war Verena erstaunlich still – weil müde – und so mussten wir die Überfahrt ohne musikalische Untermalung überstehen… Die Rückfahrt wurde auch recht still… mal abgesehen von Christoph’s Autoradio, aus dem uns munter die Stimme von Frau Töpperwien entgegenschallte, die schon nach einigen Minuten das erste Schalker Tor bejubelte… gegen Borussia.

„Naja“, dachte ich mir, „man kann an einem solchen Tag nicht alles haben… schönes Wetter, nette Gesellschaft, viele gefundenen Cachedosen und leckere Suppe… und dann auch noch einen Sieg der Borussia…“ Egal – schön war’s, so oder so!

EDIT: Leider sind die Fotos nur in Thumbnail-Größe vorhanden. Sorry!

Enke

Auf einmal sind sie alle da: fast 40 000 trauernde Fans in der Arena von 96 und viele Tausend vor den Flimmerkisten der Republik, die Kollegen aus der Nationalmannschaft, die hohen Herren des deutschen Fußballs, die Fernsehfuzzis und die Schreiberlinge, nicht zu vergessen die vielen Fotografen mit dem Finger am Auslöser, Fußballbegeisterte und Sensationshungrige.
Alle wollen sehen, was passiert; mitbekommen was es zu sehen gibt, den Schauer selber spüren, der wohl jedem angesichts dieser Geschichte über den Rücken läuft.
Ich bin wütend. Wütend und wütend.
Warum glotzt ihr jetzt? Warum zückt ihr jetzt eure Kameras und Notizblöcke? Warum macht ihr jetzt betroffene Gesichter und hüllt euch in Trauerflor? Warum sprecht ihr jetzt salbungsvolle Worte? Warum steht eure verdammte Fussbalwelt jetzt erst still – wenn auch nur für einen Augenblick?
Warum habt ihr nicht schon vorher hingeschaut?
Da war einer, der super-Spitzensportler, der 1a-Tormann, der Spieler in der Nationalmannschaft, das Vorbild vieler junger Hobbykicker – der nach außen hin einwandfrei funktioniert hat.
Und innen in ihm drin nichts als Dunkelheit? So dunkel, dass es keinen Ausweg als den in den Freitod gegeben hat?
Keiner hat was bemerkt? Keiner wollte was merken? Ich glaub das einfach nicht…

Was wohl passiert wäre, wenn er den Mut gehabt hätte, offen über seine Krankheit zu sprechen? Das „Kind beim Namen zu nennen“? Es zu wagen, das Tabu zu brechen und zu sagen: „Ja, Leute – ich habe Depressionen.“?
Ich bin mir sehr sicher, dass die gleiche Garde von Journalisten, Fernseh- und Zeitungsfuzzis, die Fanclubs und Nordkurvenbesucher und sicher auch der ein oder andere toughe Spieler der Nationalelf dann milde aber verständnislos gelächlet hätte. Dann die Bleistife gespitzt, um bissige Kommentare auf die Titelseiten der Zeitungen zu bringen. Die Kameras klicken ließe, um das beste und intimste Foto des Portagonisten Gewinn bringend an die Regenbogenpresse zu verscherbeln.
Ich bin mir sicher, dass viele, viele sich den Mund zerrissen hätten über den Schwächling mit den Depris, bin mir sicher, dass sich nur wenige die Mühe gemacht hätten zu verstehen, was wirklich abgeht. Und ich bin mir sicher, dass der gläzende und makellose Spitzenfußballer fortan für den Rest seiner Karriere gebrandmarkt gewesen wäre – mit dem Stempel „depressiv“ (…was ja allgemein gleichzusetzen ist mit: ziemlich durchgeknallt und nicht zu gebrauchen).

Also hat er es anders gemacht. Seine Krankheit, sein Leid geheim gehalten vor der Öffentlichkeit und wahrscheinlich auch vor vielen anderen Menschen, die ihm näher standen als der gemeine 96er-Fan oder Samstagabendbundesligaglotzer.
Welche Maskerade muss da gespielt worden sein, welch perfektes Versteckpiel, was für eine großartige Tarnung – gute Miene zum bösen Spiel?
Nein, das Spiel heißt nicht Fußball. Diesmal nicht.

Es heißt Depression. Und darum spricht man nicht darüber. Darum lässt man sich nichts anmerken. Darum bringt man den letzten Rest Energie auf, um eine perfekte Tarnung aufrecht zu erhalten, um weiter zu funktionieren, wie es gerne gesehen wird.
Damit niemand etwas merkt. Damit man nicht abgestempelt wird zum Versager, zum Weichei, zum Spinner, zum Psycho.
Du kannst alles haben heutzutage – aber bitte keine Depressionen. Das geht gar nicht.
Wir erwarten ein lachendes Gesicht. Wir wollen keine schlechte Stimmung. Wir wollen die harten Kerle, die toughen Sportsmänner, die „Allzeit-Bereiten“, die Gewinner.
Verdammt nochmal – was ist das für eine Welt, in der man offensichtlich nur mit Maske existieren darf?
Mich schockiert das – bei einem Sportler wie Robert Enke umso mehr, als dass er im Rampenlicht stand und offensichtlich niemand bemerkt hat, wie es wirklich in ihm ausgesehen hat.
Perfekt getarnt. Rolle gut gespielt. Realistische Maskerade. Immer weiter weg von sich selbst und seiner Krankheit.

Und nachher so weit weg, dass es keinen Weg mehr zurück gab? Nur den, der auf die Bahngleise führte?

Martin…oder: Die andere Hälfte vom Mantel

Allerorts ziehen in diesen Tagen die Martinszüge durch die Straßen.<br />
Das veranlasst mich doch heute, am Gedenktag dieses Heiligen, ein paar Gedanken hier niederzuschreiben.<br />
<br />
<a class='serendipity_image_link' href='http://www.blauelakritze.de/uploads/Fotos/sankt_martin.jpg'><!– s9ymdb:232 –><img width="110" height="109" style="float: left; border: 0px; padding-left: 5px; padding-right: 5px;" src="http://www.blauelakritze.de/uploads/Fotos/sankt_martin.serendipityThumb.jpg" alt="" /></a>Mit Bernd und seinem kleinen Sohn Carl war ich am Wochenende beim Martinszug. Nach der Runde durch den Stadtteil endete der Umzug an der Kirche, wo ein großes Martinsfeuer loderte. Und wie in jedem Jahr ritt der stolze Martin auf seinem prächigen Schimmel umher, um – quasi als hübsch anzuschauendes Brauchtums-Gimmick – dann doch noch seinen purpurnen Mantel zu teilen. Teilen? Nix da – denn unser Martin machte es sich ganz einfach: Da wurde nichts geteilt, der Mantel blieb ganz. Nur das Schwert glitzerte imposant im Schein der Flammen, als der Reiter – schwuppdiwupp – ein weiteres Mantelteil unter seinem unversehrten Umhang hervorzauberte und es dem Bettler überreichte. Ein "Zweitmantel" zum Verschenken sozusagen…<br />
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Was ist denn das für ein Sankt Martin? Nicht geteilt, sondern vom Überfluss ein kleines Stückchen abgegeben?<br />
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Diese Szene hat mich nachdenklich gemacht. Ist es das, was wir heute unter "teilen" verstehen? Was soll der ganze Spuk mit Laternen, Liedern und Martinsfeuern – wenn es nicht mehr ums Teilen geht, sondern darum, ein kleines Stück vom Überfluss abzugeben?<br />
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Wie mag das wohl damals gewesen sein, als der stolze römische Soldat seinen Mantel zerschnitt?<br />
Da war der Glanz, das perfekte Outfit, das Statussymbol erst einmal dahin. Auch Martin war wohl gezeichnet vom Teilen – ein halber, zerrissener und aufgeschlitzer Mantel macht doch nichts mehr her! Ob er wohl auch ein wenig gefroren hat? Oder belächelt wurde ob seiner ruinierten Kleidung?<br />
Was mögen seine Soldatenfreunde gesagt haben? "Wie siehst du denn aus?" – "Wie läufst du denn herum?"<br />
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Geteilt ist erst geteilt, wenn der, der etwas abgibt auch <em>wirklich</em> etwas von sich verschenkt. So, dass man auch sieht und spürt und merkt: Ich habe geteilt.<br />
Versteht mich nicht falsch: Es geht mir nicht darum, mit Wohltätigkeit zu prahlen.<br />
Aber ist unser Teilen heute nicht halbherzig geworden? Ist es allzu "wohldosiert"? Gebe ich nur, wenn ich mir sicher sein kann, auch nachher noch "satt und genug" zu haben? Teilen als soziales "Wohlfühlerlebnis" für Schenkende und Beschenkte?<br />
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Das kann's doch irgendwie nicht sein, oder?